Start Regionales Boppard Doris Gawel: Offener Brief an die Politik und die Branchen-Verbände

Doris Gawel: Offener Brief an die Politik und die Branchen-Verbände

Boppard, den 4.5.2020

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Funktionsträger in Rheinland Pfalz,

nein, wir hungern nicht und haben ein Dach über dem Kopf – und wir sind gesund. Uns geht es – vor allem verglichen mit vielen anderen Ländern der Welt – gut. Trotzdem schreibe ich Ihnen als vierte Generation eines Familienbetriebes, eines Hotels mit 120 Zimmern und drei Restaurants einen offenen Brief – da Sie uns seit Wochen im Unklaren halten.

Denn ich frage mich, warum wird in Deutschland mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen? „Alle Menschen sind gleich“ heißt es im Grundgesetz, was ja auch bedeutet: Alle arbeitenden Menschen in allen Branchen sind gleich.

Es gibt aber Branchen, über die wird – und zwar zum wiederholten Male – ein Rettungsschirm gespannt. Man spricht vom milliardenschweren Rettungspakt für Lufthansa, Condor und die Autoindustrie, wobei die Autoindustrie Kurzarbeit anmeldet, weil sie keine Ersatzteile bekommt.

Die von der Politik angebotenen Hilfen in Form von rückzahlbaren Krediten sind sinnvoll und finanzpolitisch für den Staat unschädlich.

Das Kurzarbeitergeld ist sinnvoll, aber stocken Sie besser das Geld grundsätzlich für diejenigen Menschen auf, die mit den 60 beziehungsweise 67 Prozent nun unter dem Mindestlohn liegen anstatt das der Angestellten, die auch mit KUG noch immer bei einigen Tausend Euro im Monat liegen. Hilfen in Form von Kaufanreizen beziehungsweise -prämien an die Autoindustrie, die nicht behördlich geschlossen wurde und im Vorjahr einen Milliardengewinn (VW 17 Milliarden = 17.000.000.000,00 Euro) einfuhr, ist aus meinem Blickwinkel finanzpolitisch und moralisch nicht gerechtfertigt. Hier soll eine Branche unterstützt werden, die die Technologiewende verschlafen hat, die weltweit 11 Millionen (11.000.000) Autokäufer betrogen hat und deren Betriebe nicht behördlich geschlossen wurden. Heißt das jetzt: Marktwirtschaft „ade“?!

Es interessiert mich auch, ob die Gewinne der zu rettenden Autoindustrie in Deutschland versteuert worden sind?

Aber ich frage mich und viele, viele andere auch: Wo sind die Rettungspakete für den Rest der redlich arbeitenden Steuerzahler und Unternehmer, die durch Anordnung geschlossen wurden? Warum werden keine Schutzschirme über die Branchen wie Tourismus, Busreisen, Konzertveranstalter, freischaffenden Künstler, Hotels, usw. aufgespannt? Vielleicht verdeutlichen Ihnen diese Zahlen, wie wichtig der Tourismus ist: Tourismus steht für fast drei Millionen Beschäftigte und 290 Milliarden Euro Umsatz und 3,9 Prozent Anteil an der Bruttowertschöpfung Deutschlands, die Automobilindustrie kommt auf „nur“ auf 834.000 Mitarbeiter bei 150 Milliarden Inlandsumsatz und 280 Milliarden Auslandsumsatz.

Unserer Branche, Gastronomie und Hotellerie, wurde mit als erste Einrichtung geschlossen und uns ist seit nunmehr sieben Wochen die Geschäftstätigkeit untersagt, bis auf die Beherbergung von Reisenden, die einen zwingend notwendigen Grund haben und der Möglichkeit der außer Haus Lieferung. Damit kann niemand überleben und kann nur zum verschwindend kleinen Teil einen Beitrag zu den Fixkosten leisten. Wir und unsere Mitarbeiter wollen arbeiten, dürfen es aber nicht. Es gibt viele Gäste, die wollen kommen, und dürfen es ebenso nicht und alle die müssen wir vertrösten, da wir – im Gegensetz zu anderen Ländern – im Ungewissen gelassen werden. Die Schweiz, die im Vergleich zu Deutschland viel härter betroffen war, öffnet die Restaurants unter Auflagen zum 11. Mai, Österreich zu Mitte Mai, Niedersachsen öffnet die Restaurants am 11. und ab 25. Mai auch die Hotels. Und Rheinland-Pfalz?

Unser mittelständisches Unternehmen mit rund 70 Mitarbeiter bekommt – da wir über der Schwelle von zehn Mitarbeiter liegen – seit sieben Wochen keinen Cent an Unterstützung. Unsere Mitarbeiter – außer den Auszubildenden – erhalten zwar Kurzarbeitergeld, sind damit aber auch nicht durch einen Schutzschirm in einer besseren Stellung – im Gegenteil: die Kosten wie Miete, Strom etc. bleiben auch jetzt trotz KUG von 60 bis 67 Prozent gleich.

Die Vergütung der Auszubildenden für sechs Wochen, der bereits genehmigten Urlaub in dieser Zeit, die Feiertage, und der Lohn für Mitarbeiter, die gekündigt hatten, gehen voll zu unseren Lasten.

Vollmundige Hilfen wurden angekündigt, die leider bis jetzt keinerlei Substanz haben geschweige denn mit gesetzlichen Grundlagen untermauert worden sind. Im Endeffekt stellt sich die Realität ganz anders dar – oder waren dies nur Versprechungen, die uns ruhig stellen sollten? Die Gastronomie hat seit Jahren mit die höchsten Hygieneanforderungen und alle Mitarbeiter sind geschult. Wir haben nun zusätzliche Corona-Hygienekonzepte ausgearbeitet. Wir sind uns bewusst, dass wir bei der Umsetzung des Konzepts weniger Gäste aufnehmen können und dass dies zu Umsatzeinbußen führt und zusätzliche Kosten verursacht, aber wenigstens können wir unsere Fixkosten und hoffentlich die variablen Kosten decken. Jedoch das einzige Argument, das die Politik vorbringt, sind die Bedenken, dass sich Gäste am Alkohol hemmungslos berauschen.

Das mag für Ischgl gegolten haben, gilt aber nicht für seriöse Hotels, Cafés, Restaurants und Gaststätten. Sie können diese Bedenken umgehen, indem Sie Richtlinien erlassen. Mit jedem weiteren Tag mehr werden die Gäste und Mitarbeiter weiter verunsichert. Der Neustart wird ohnehin schwierig werden. Die Einzelhändler im Ort, die nach dem Shutdown nun seit zwei Wochen wieder verkaufen dürfen, berichten von Umsatzeinbußen bis zu 90 Prozent.

Trotz allem: wir wollen öffnen, wir wollen arbeiten und wollen unser Geld verdienen können, aber dürfen nicht. WIR haben nicht geschlossen, wir wurden per Anordnung GEZWUNGEN zu schließen. War das verhältnismäßig und wie lange kann man das ohne Hilfe überstehen? Hat die Politik nicht mit diesen massiven Anordnungen sogar gegen das Grundgesetz verstoßen?

Es ist uns klar und wir akzeptieren es, dass wir alle aus dieser Krise geschädigt herausgehen werden, aber wichtig ist das Wort: ALLE und die Lasten gerecht auf alle verteilt werden. Hier müssen alle herangezogen werden und keine Branche und auch keine Staatsdiener bevorzugt werden, und vergessen Sie nicht diejenigen, die während der Krise die Fahne im Gesundheitswesen, im Handel und der Dienstleistungsbranche hochgehalten haben.

Nur dann kann ich persönlich noch an diesen Staat glauben und mich für diesen einsetzen.

Doris Gawel
4. Generation eines Familienbetriebes, gegründet 1887 mit 70 Mitarbeitern

Kontakt

  • Ihr Name (Pflichtfeld)

    Ihre E-Mail Adresse (Pflichtfeld)

    Betreff (Pflichtfeld)

    Ihre Nachricht