Boppard. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine sorgt seit mehr als vier Jahren für Hunderttausende Tote und Verletzte. Die Fernsehbilder von Raketen- und Drohnenangriffen auf die zivile Infrastruktur und Wohnsiedlungen in ukrainischen Städten, bei denen es immer auch Opfer in der Zivilbevölkerung gibt, sind entsetzlich. Während die internationale Politik bislang vergeblich nach Wegen sucht, die zum Ende des Krieges führen könnten, packen Ehrenamtliche beherzt an und unterstützen die Menschen in der Ukraine. Hilfsgüter werden gesammelt und dringend benötigte Gerätschaften werden von Spendengeldern angeschafft, die dann in Konvois in das vom Krieg erschütterte Land transportiert werden. Das Bad Salziger Ehepaar Melanie und Markus Gras von der Ukraine Hilfe Boppard leistet seit Jahren ehrenamtlich Großes. Seit Ausbruch des Krieges helfen sie nicht nur beim Beschaffen von Hilfsgütern und der Organisation von Transporten, sie haben bislang auch an insgesamt 14 Konvois in die Ukraine teilgenommen.
Fahrten bis an die Frontlinie
Am Mittwoch kommender Woche, 17. Juni, startet Markus Gras erneut mit einem Konvoi bis zur Frontlinie, bereits im September werden Melanie und Markus Gras wieder gemeinsam die gefährliche Strecke bis in den Osten der Ukraine angehen. „Die Menschen benötigen Hilfe und Unterstützung“, sagen die beiden. „Wir spüren die Dankbarkeit und machen das natürlich gerne. Es ist auch psychologisch wichtig, dass sie spüren, dass sie in ihrem Leid und ihrer Not nicht vergessen werden“, sagen Melanie und Markus unisono.
Die von ihnen organisierten Konvois bestehen aus bis zu fünf Fahrzeugen. „Wir haben uns auf Feuerwehrfahrzeuge und, Rettungswagen spezialisiert“, sagt Markus Gras im Gespräch mit unserer Zeitung. Auf dem Weg in die Ukraine sind alle pickepackevoll mit notwendigen Hilfsmaterial. Bis jetzt haben sie so schon mehr als 30 Fahrzeuge zu ukrainischen Feuerwehren, Rettungsdiensten und Militärsanitätern gebracht. Doch trotz dieser tollen Bilanz machen sich die Bad Salziger Eheleute Sorgen: „Die Spendenbereitschaft lässt leider nach.“
Melanie und Markus Gras:
An der Frontlinie vertrauen sie ukrainischen Begleitern
Melanie und Markus Gras (Ukraine-Hilfe Boppard) organisieren seit Jahren Konvois in die Ukraine. Das Ehepaar aus Bad Salzig hatte dort schon zu Friedenszeiten durch ihren gemeinsamen Sport Freunde gewonnen. „Wir sind beide Vollkontakt-Kampfsportler“, sagt die 44-Jährige, die bei der VG Hunsrück-Mittelrhein in Teilzeit beschäftigt ist und zusätzlich als Personal-Trainerin arbeitet. Das Besondere ihrer Kampfsportart: Sie messen sich bei Turnieren in historischen Ritterrüstungen mit Sportlern im In- und Ausland. „Bei Turnieren haben wir über die Jahre viele nette Ukrainer kennengelernt. Außerdem haben wir 2017 ein Trainingslager in der Ukraine gehabt. In dieser Zeit sind wirklich enge Freundschaften entstanden“, sagt Markus Gras. Und da der 50-Jährige bei der Flughafen-Feuerwehr Frankfurt tätig ist, verfügt er über großes Know-how in Feuerbekämpfung, Rettung und Bergung sowie der dazu notwendigen technischen Gerätschaften und Fahrzeuge. Ein wertvolles Fachwissen, das er und seine Frau bei der Beschaffung von Ausrüstung und Fahrzeugen für die Ukraine heute nutzen.
Spendenbereitschaft lässt nach
Als der Krieg ausbrach, war es für Melanie und Markus Gras eine Selbstverständlichkeit, dass sie ihren Freunden helfen. „Wir haben Hilfsgüter beschafft und für diejenigen, die ihr Land aus Angst um ihr Leben und das ihrer Kinder verlassen haben, Wohnungen und Unterkünfte gesucht“, erinnert sich Melanie Gras. Natürlich begrenzte sich die Hilfe nicht nur auf die persönlichen Freunde und guten Bekannten, sie ging weit darüber hinaus. Die beiden Ehrenamtlichen hatten in der Anfangszeit keine große Mühe, alles Notwendige als Spenden zu erhalten. „Doch leider spüren wir aktuell eine nachlassende Spendenbereitschaft“, sagt Markus Gras sorgenvoll. „Ukraine-Hilfe ist längst kein Selbstläufer mehr.“ Deshalb setzen die Bad Salziger auf Netzwerkarbeit. Die Ukraine-Hilfe Boppard, die Deutsch-Ukrainische Hilfe Rhein-Neckar und der Besuch von Tagungen sind unverzichtbar für eine wirkungsvolle Unterstützung in diesen schlimmen Kriegszeiten. Unlängst haben wir ein Symposium des Deutschen Feuerwehrverbandes in Fulda besucht, um unser Netzwerk zu erweitern und uns Vorträge zu den Themen „Traumaprävention“ und „Psychologische Hilfe für Rettungskräfte“ anzuhören. Dabei waren auch zwei Psychologinnen des staatlichen ukrainischen Rettungsdienstes“, so Melanie Gras. „Wir lernen nicht nur viel für unsere Arbeit in der Ukraine, wir gewinnen auch wertvolle Erkenntnisse für unseren Zivil- und Katastrophenschutz“, so die engagierte Frau, die auf diesem Feld in Deutschland erheblichen Nachholbedarf sieht.
Erste Konvois nach Polen
Die ersten Konvois endeten unweit der polnisch-ukrainischen Grenze. Dort wurden alle Hilfsmaterialien auf Fahrzeuge umgeladen, die dann weiter in die Ukraine fuhren. „2023 sind wir dann erstmals selbst in die Ukraine gefahren“, erinnert sich Markus Gras an einen „Wendepunkt“. In enger Kooperation mit Militär, der staatlichen Feuerwehr und Sicherheitsexperten bringen Melanie und Markus Gras mittlerweile dringend benötigte Fahrzeuge zur Evakuierung und Rettung von verletzten Ukrainern und Feuerwehrfahrzeuge bis nah an das Kampfgeschehen. „Natürlich packen wir sie auch voll mit allem, was dringend benötigt wird“, sagen die beiden. Die anstehende Fahrt am 17. Juni wird wieder bis an die unmittelbare Frontlinie führen. „Meine Frau bleibt dieses Mal hier, erst im September fahren wir wieder gemeinsam ins Kriegsgebiet“, sagt Markus Gras. Alle Urlaubstage und anfallende Überstunden werden für das Engagement in der Ukraine benötigt, deshalb können sie nicht immer zusammen im Konvoi sitzen.
Bis an die Frontlinie
Es steht außer Frage, dass die Fahrten bis an die Frontlinie nicht ungefährlich sind. Doch Angst haben die Bad Salziger noch nie gehabt. „Wir bewegen uns hochkonzentriert und halten uns im Frontbereich strikt an die Anweisungen unserer erfahrenen ukrainischen Begleiter“, sagen sie. Doch eine hundertprozentige Sicherheit gibt es bei ständigen Drohnen- und Raketenangriffen natürlich nicht. Das ist beiden bewusst. Doch für die Ukraine und ihre Freunde nehmen sie dieses Risiko gerne in Kauf. (Fotos: Fam. Gras)



























