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Coronavirus und Jahrhunderthochwasser gleichzeitig in Boppards brasilianischer Partnerstadt

Cindy Träsel aus Arroio do Meio schildert Veränderung ihres Alltags

Arroio do Meio

Wegen der Pandemie konnten der Besuch einer Freundesgruppe aus Brasilien und die Reise der Bopparder Jugenddelegation 2020 nicht stattfinden. Heinz Bengart vom Vorstand des Freundeskreises hatte deshalb in Arroio do Meio um einen Situationsbericht gebeten. Durch Vermittlung von Eneida Führ-Kuhn und Roseli Kussler entstand der folgende Bericht von Cindy.

Cindy

„Mein Name ist Cindy Träsel und ich bin 14 Jahre alt, ich wohne in Arroio do Meio und besuche das Gymnasium Alberto Torres, in der Nachbarstadt Lajeado. An meiner Schule lernen wir auch Deutsch und ich habe diesen Text im Deutschunterricht bei Frau Kussler geschrieben.

Es scheint gestern gewesen zu sein, dass meine Klassenkameraden und ich zusammen in der Schule waren, aber wir haben uns seit knapp vier Monaten nicht mehr gesehen. Wer hätte am 17. März gesagt, dass wir so lange voneinander entfernt sein würden? Immerhin würde es nur zwei Wochen dauern, es würde schnell vergehen…

Die Zeit ist vergangen, die zwei Wochen sind vergangen und nichts, um wieder zur Schule zu gehen. Wir erhielten dann von der Schule eine Erklärung über das Coronavirus, wonach die Klassen erst im Mai zurückkehren würden. Nun, Sie können sich die Fortsetzung der Geschichte bereits vorstellen, schließlich ist es bereits Juli und bald haben wir Winterferien.

Während wir zu Hause sind, haben wir virtuellen Unterricht. Ich gebe zu, dass ich nicht gerne zu Hause lerne, weil es für mich sehr kompliziert ist, den Inhalt zu verstehen, ganz anders als wenn wir einen Lehrer an unserer Seite haben, der uns den Stoff erklärt. Natürlich erklären die Lehrer den Stoff online über eine Lernplattform, aber es ist nicht dasselbe wie Präsenzunterricht. Ich vermisse den Augenkontakt, die warme Atmosphäre des Klassenzimmers. Fernunterricht hat aber natürlich auch seine Vorteile: wir entwickeln unsere Autonomie und lernen, unabhängiger zu sein.

Aber nicht nur der Unterricht hat sich geändert, sondern auch das Leben der Menschen. Meine Familie gehorcht der häuslichen Isolation und verlässt das Haus nur um in den Supermarkt oder in die Apotheke zu gehen und das immer mit der Maske. Mein Vater ist Geschäftsmann, deswegen darf er arbeiten, aber viele andere Leute gehen nicht zur Arbeit, einige machen Homeoffice, andere haben ihre Arbeitsstelle verloren oder der Betrieb ist geschlossen. Meine Mutter arbeitet zu Hause, deshalb hat ihre Routine sich nicht viel geändert, aber meine Routine ja. Ich wache um 7 Uhr auf, frühstücke und fange an die Aufgaben für die Schule zu machen. Um 12 Uhr esse ich zu Mittag und nach dem Mittagessen mache ich mehr Aufgaben. Tagsüber habe ich auch virtuellen Unterricht. Dann kann ich meine Lehrerinnen und Lehrer und meine Klassenkameraden wieder sehen, aber auf dem kalten Bildschirm meines Laptops. 

Vor der Pandemie war alles anders. Ich wachte auf, ging zur Schule, am Nachmittag lernte ich zu Hause und besuchte einige außerschulische Kurse. Ich vermisse meine Freundinnen, meine Mitschüler, meine Lehrer und natürlich meine Routine. In meiner Stadt, Arroio do Meio, hier in Südbrasilien, gibt es zurzeit 163 bestätigte Coronavirus-Fälle, von denen 157 bereits geheilt sind. Diese Zahl scheint klein zu sein, aber da meine Stadt sehr klein ist, wird es besorgniserregend. Wir, Arroiomeenses, haben das Glück, ein gutes Krankenhaus in unserer Stadt zu haben, das Gott sei Dank noch nicht voll ist. 

Mir ist klar, dass diese Pandemie allen Leuten großen Stress und große Sorge gemacht hat, besonders älteren Menschen. Ich merke es bei meinen Großeltern, die ich vor der Pandemie jede Woche besucht habe. Es ging ihnen immer gut, aber jetzt sind sie oft gestresst, ungeduldig und unruhig. Sie rufen mich jede Woche an, um meine Stimme zu hören. Meine Familie und ich vermeiden es, sie zu besuchen. Der große Tisch meiner Großmutter, der immer voll war und um den die Familie sich immer am Wochenende zum Mittagessen traf, ist jetzt leer. Aber wenn das alles vorbei ist, möchte ich sie sehr fest umarmen und natürlich die ganze Familie zum Grillen zusammenbringen, damit der große Esstisch meiner Oma wieder unseren Treffpunkt am Sonntag ist.

Ich kann es kaum erwarten, mein Haus verlassen zu dürfen und meine Freunde und Familie wiederzutreffen. Ich hoffe, dass ich bald wieder zur Schule gehen kann und meine Routine wieder zurückbekomme.

Und als wenn die Corona-Pandemie nicht traurig genug wäre, kam zuerst eine schlimme Trockenheit über unser Tal und diese Woche, nach starkem Gewitter und heftigem Regen, die größte Überschwemmung der letzten 64 Jahre. Der Taquari Fluss erreichte 27,39 Meter am Hafen in Estrela-Lajeado, normal sind 13 Meter. Das Wasser stieg schnell und viele Familien mussten rasch ihre Häuser verlassen und haben alles im Hochwasser verloren: Kleider, Möbel, Elektrogeräte, Schulsachen, Spielzeuge, … und einige sogar ihr Haus. Uns hat es nicht betroffen, aber das Wasser kam ins Haus meiner Großeltern und beschädigte einige Möbel und Matratzen. In der Stadt und auf dem Land brach ein Chaos aus, Straßen wurden gesperrt, in einigen Straßen und Bürgersteigen entstanden Löcher, in einigen Häusern fiel der Strom aus und es fehlte Leitungswasser. Und das im ganzen Taquari Tal. Aber in schlimmen Zeiten zeigt sich auch, wie warmherzig und solidarisch die Leute hier sind: Es wird sich gegenseitig ausgeholfen, jeder hilft wie er kann: die Leute spenden Geld, sammeln Kleider, Möbel, Lebensmittel, Putzmittel, Spielzeuge, … und helfen die Häuser zu putzen, damit die Leute so schnell wie möglich ihr Leben wieder aufbauen können. In Zeiten der Krise sehe ich, wie wenig man braucht um glücklich zu sein, und wie viel man sich gegenseitig unterstützen muss, um besser zu leben.“

Die deutschsprachigen Schüler an Cindys Schule freuen sich über E-Mails von Hunsrücker Jugendlichen an roselikussler@yahoo.de.

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